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Analyse 11. Juni 2026

Der leise Aderlass der kleinen Kataloge

Ein Backkatalog kann genauso oft gestreamt werden wie im Vorjahr und trotzdem weniger einbringen. Das ist kein Qualitätsproblem und kein Pech, sondern eine Frage der Verteilungsmathematik. Die KI-Flut macht sie gerade sichtbar.

Maximilian Ecker · Analyse
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8 Min. Lesezeit

Ein Backkatalog kann in einem Jahr genauso oft gestreamt werden wie im Jahr davor und am Ende weniger Geld einbringen. Kein Titel ist eingebrochen, an der Musik hat sich nichts geändert, trotzdem sinkt die Auszahlung. Der Grund liegt nicht in der Qualität, sondern in der Art, wie Streaming-Dienste ihr Geld verteilen, und in einem Volumen, das seit Monaten anschwillt.

Ein Pool, den sich alle teilen

Die großen Plattformen zahlen keinen festen Betrag pro Song. Sie rechnen nach dem Pro-Rata-Prinzip: Der gesamte Auszahlungspool eines Monats wird im Verhältnis aller Streams auf die Rechteinhaber verteilt. Der Wert eines einzelnen Abrufs ist damit keine feste Größe, sondern ein Quotient aus dem Pool und der Summe sämtlicher Streams.

Solange der Pool so schnell wächst wie die Zahl der Abrufe, bleibt das Verhältnis stabil. Tut er das nicht, wächst der Nenner schneller als der Pool, und für jeden organischen Stream bleibt weniger übrig. Ein nutzerzentriertes Modell, bei dem die Gebühr jeder Hörerin nur auf die tatsächlich gehörte Musik verteilt würde, wäre gegen diesen Effekt weitgehend immun. In der Praxis fließt alles in einen gemeinsamen Pool, aus dem sich auch das bedient, was nie jemand gehört hat. Die Frage, wie fair Streaming verteilt, ist deshalb nicht neu, sie wird durch die Volumendynamik nur schärfer gestellt.

Warum es den Backkatalog zuerst trifft

Am stärksten betroffen sind ältere Veröffentlichungen ohne aktiven Promotionszyklus, also der Backkatalog. Er liefert keine neuen Impulse und ist fast vollständig auf algorithmische Sichtbarkeit angewiesen, auf Empfehlungen, Playlists und Autoplay. Empfehlungssysteme bevorzugen jedoch strukturell das Neue. Dieser Freshness-Bias sortiert Bestehendes nach hinten, und je voller die Pipeline mit täglichem Nachschub läuft, desto enger wird das Fenster für alles Ältere.

Der Schaden entsteht damit an zwei Stellen zugleich: an der Auszahlung über die Verwässerung des Pools, an der Sichtbarkeit über die Verengung der Discovery. Beide Effekte sind unabhängig von der künstlerischen Qualität eines Katalogs. Genau das macht sie für kleine Rechteinhaber so tückisch, denn auf ein Mengenproblem gibt es keine künstlerische Antwort.

Selbst wenn ein Track exakt gleich oft gestreamt wird wie im Vorjahr, sinkt seine Auszahlung. Der Verlust entsteht nicht auf der Bühne, sondern in der Verteilungsmathematik.

Die Zahlen, die das Tempo vorgeben

Das Ausmaß lässt sich beziffern. Nach einem vielzitierten Branchenbericht werden täglich rund 99.000 Songs neu hochgeladen, die meisten davon hört nie jemand. Deezer-Chef Alexis Lanternier nannte Anfang Juni 2026 allein für seine Plattform 75.000 KI-Songs pro Tag. Der synthetische Anteil dieses Stroms wächst strukturell, weil die Produktionskosten eines KI-Tracks gegen null tendieren.

Dass die Dynamik anhalten dürfte, zeigt die Kapitalseite. Suno, der führende KI-Musikgenerator, hob seine Bewertung binnen weniger Monate von 2,45 auf 5,4 Milliarden US-Dollar, und das mitten in laufenden Copyright-Klagen. Wer so bewertet, setzt auf den Massenmarkt, nicht auf die Nische. Daraus folgt eine nüchterne Erwartung: Das Uploadvolumen steigt in den kommenden zwei Jahren weiter, weitgehend unabhängig davon, was die Plattformen dagegen unternehmen.

Und sie unternehmen etwas. Spotify stellte im September 2025 ein Paket gegen KI-Spam und Impersonation vor und entfernte nach eigenen Angaben rund 75 Millionen Titel. Die Zahl wirkt groß, bleibt aber reaktiv: Bei täglich rund 99.000 neuen Uploads ist offen, ob das Löschen dem Volumen vorauseilt oder ihm hinterherläuft. Solange das Verteilungsmodell unangetastet bleibt, ändert die Filterung an der Grundrechnung wenig.

Auch die Verteilung selbst verschärft die Lage für die Kleinen. Spotify nannte für 2024 eine Rekord-Auszahlung von 10 Milliarden US-Dollar. Ein erheblicher Teil davon fließt jedoch zuerst an die Labels; für Independents ohne Major-Anbindung bleibt der verbleibende Anteil abzüglich der Vertriebsgebühren. Genau dieser Rest reagiert am empfindlichsten auf die Verwässerung des Pools.

Wie eine solche Verdrängung empirisch aussieht, deutet eine Auswertung der University of Melbourne über zwei Millionen Tracks an: Der Anteil australischer Künstlerinnen und Künstler unter den 10.000 meistgestreamten Titeln des Landes ging zwischen 2021 und 2024 um rund 30 Prozent zurück. Ob die KI-Flut die alleinige Ursache ist, lässt sich daraus nicht isoliert belegen. Als Muster algorithmischer Verdrängung kleinräumiger Kataloge ist es dennoch das härteste verfügbare Frühwarnsignal, und es lässt sich ohne Weiteres auf europäische Nischen- und Lokalszenen übertragen.

Wohin das in zwei Jahren führt

Drei Entwicklungspfade sind plausibel. Der naheliegendste ist die graduelle Erosion: Die Plattformen filtern weiter reaktiv, ohne das Pro-Rata-Modell anzutasten. Die Einnahmen kleiner Independents sinken langsam, der eigentliche Schaden entsteht über die sich schließenden Discovery-Fenster. Dieser Pfad entspricht dem historischen Muster der Marktkonzentration.

Denkbar ist auch ein regulatorischer Schutzwall: Die EU zieht über den AI Act und die Transparenzregeln des DSA Kennzeichnungspflichten an, Plattformen führen Mindestschwellen für die Royalty-Berechtigung ein, KI-Spam fällt aus dem Pool. Dann blieben die Einnahmen aus dem Backkatalog stabil. Dagegen spricht, dass EU-Regulierungszyklen historisch länger dauern als zwei Jahre. Im härtesten Fall laufen die Filter dem Volumen dauerhaft hinterher: Für kleinvolumige Kataloge wird Streaming wirtschaftlich nebensächlich, und der Umstieg auf direkte Vermarktung verliert seinen freiwilligen Charakter.

Worüber sich nachzudenken lohnt

Aus dieser Lage folgt weniger ein Maßnahmenkatalog als eine Frage der Abhängigkeit. Wenn die Streaming-Royalties aus dem Backkatalog für die nächsten Jahre keine verlässliche Größe mehr sind, rückt in den Vordergrund, welcher Teil der Einnahmen überhaupt noch an der Pro-Rata-Verteilung hängt und welcher sich davon lösen ließe.

In diese Richtung gibt es mehr als einen Gedanken. Direkte Kanäle wie Bandcamp oder ein eigener Shop umgehen die Verteilungslogik vollständig, verlangen im Gegenzug eine Bindung zum Publikum, die erst entstehen muss. Der Freshness-Bias, der den Backkatalog benachteiligt, lässt sich ebenso nutzen wie erleiden, denn eine Wiederveröffentlichung mit gepflegten Metadaten ist für den Algorithmus wieder etwas Neues. Erlöse aus Sync-Lizenzen in Film, Werbung oder Games hängen gar nicht erst am Pool, setzen aber saubere Daten voraus, vom ISRC bis zu geklärten Samples. Und die einzige Stellschraube am Modell selbst, eine Mindestschwelle für die Royalty-Berechtigung oder eine nutzerzentrierte Verteilung, liegt nicht beim einzelnen Akteur, sondern in der kollektiven Vertretung über Verbände wie den VUT oder IMPALA.

Die eigentliche Verwundbarkeit liegt damit nicht in der KI-Musik als künstlerischer Konkurrenz, sondern in der Abhängigkeit von einer einzigen Einnahmequelle, deren Verteilungslogik schon vor der KI schief stand. Das Pro-Rata-Modell hatte die Schwäche eingebaut, die KI-Flut macht sie sichtbar und beschleunigt sie. Die Frage ist am Ende weniger, ob die eigene Musik gegen synthetische Konkurrenz besteht, sondern wie viel des eigenen Einkommens an einer Verteilungslogik hängt, die niemand mehr allein kontrolliert.

Wer an den Fäden zieht

Plattformen, Labels und KI-Anbieter sind enger verflochten, als die Oberfläche zeigt. Die Karte macht sichtbar, wem die Dienste gehören, an denen kleine Independents ausliefern, und wo Klagen in Lizenzen umschlagen.

Auf der Karte ansehen → KI & Plattformen

Quellen

Stand der Belege: Juni 2026. Marktanteils- und Wachstumsangaben sind teils Branchenschätzungen und können je nach Quelle variieren.

  1. „KI-Musik im Streaming: Wir haben nichts gegen KI-Songs“ · FAZ, 6.6.2026. Deezer-CEO Lanternier zu 75.000 KI-Songs pro Tag. faz.net ↗
  2. „99,000 songs are being uploaded to streaming services every day“ · Chaoszine, 2026. Tägliches Upload-Volumen, Großteil ungehört. chaoszine.net ↗
  3. „AI music generator Suno raises another $400M“ · TechCrunch, 3.6.2026. Bewertung von 2,45 auf 5,4 Mrd. USD trotz laufender Klagen. techcrunch.com ↗
  4. „Spotify reveals its latest measures to handle AI music, spam“ · Music Ally, 25.9.2025. Spotify-Schutzpaket gegen KI-Spam und Impersonation. musically.com ↗
  5. „Spotify geht verstärkt gegen KI vor: 75 Millionen Songs gelöscht“ · Bonedo, 2026. Umfang der reaktiven Löschungen. bonedo.de ↗
  6. „On Our $10 Billion Milestone“ · Spotify Newsroom, 28.1.2025. Auszahlungssumme 2024. newsroom.spotify.com ↗
  7. „Is Spotify's AI 'killing' Australian music?“ · University of Melbourne, 2026. Analyse von über 2 Mio. Tracks, Rückgang lokaler Künstler:innen in den Top-10.000. unimelb.edu.au ↗
  8. „Wie fair ist Streaming?“ · mica – music austria. Einordnung zum Pro-Rata- gegenüber dem nutzerzentrierten Modell. musicaustria.at ↗

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Geschrieben von Maximilian Ecker
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